Moment(um)

Vor einigen Tagen habe ich zum ersten mal einen Workshop moderiert, ohne den Kunden vorher schon mal beraten zu haben. Ich bin kein klassischer Moderator und bislang haben sich Moderationen immer aus Beratungsprojekten – quasi als „Abfallprodukt“ – ergeben. Als die Anfrage kam, habe ich angenommen, da der Kunde aus einem für mich neuen und spannenden Bereich kommt – dem wissenschaftlichen. Und er sitzt in Bremen. Und das passt wunderbar in mein Bestreben 2015, immer mehr in Bremen anzukommen.

So kamen einige neue Dinge zusammen: Unbekannte Menschen, eine unbekannte „Branche“, Moderation in Englisch, sehr wenig Vorbereitungszeit und ein ambitioniertes Ziel. Ich war unsicher, wie sehr ich unter solchen Rahmenbedingungen meinem üblichen Stil trauen durfte.

Der zeichnet sich ja durch Intuition, Spontanität und Leidenschaft aus. Bisher allerdings immer in Verbindung mit einem soliden Fundament aus vielen Erfahrungen mit den teilnehmenden Menschen. Also überlegte ich, ob ich den Ablauf ganz fein strukturiere und auf Methoden setze, um Sicherheit zu gewinnen. Irgendwie hat mein Bauch die ganze Zeit „nö“ gesagt. Und da ich mich in der letzten Zeit viel mit den Themen Entscheiden und Intuition beschäftigt habe, bin ich ohne festen Ablauf und Methode in den Workshop gegangen.

Am Ende des ersten Tages steckte die Gruppe prompt fest. Alle blieben ihren Denkrillen treu, nichts Neues entstand und Frust breitete sich aus. Bei der Feedbackrunde platzte dann meine Haltung aus mir raus. Ein emotionaler persönlicher Weckruf war die Folge. Danach war ich mir nicht sicher, ob ich den Bogen nicht überspannt hatte. Die Rückmeldungen zeigten mir genau das Gegenteil. Die Teilnehmer waren wach und im Wortsinn „verrückt” – und schätzten den Impuls.

Meine Erkenntnis: Leidenschaft und Haltung sind immer wertvoll – gutes Timing und richtige Dosierung vorausgesetzt.

Am zweiten Tag haben wir dann viele neue und visionären Ideen entwickelt. Und steckten am Ende wieder fest. Zwei Stunden vor Schluss hatten wir zwar eine tolle Sammlung an Ideen, aber kein Kondensat und keinen Plan, wie jetzt die Top 5 Ideen gefunden werden sollen. Für eine Methode war keine Zeit mehr und die Interessen der Teilnehmer waren sehr unterschiedlich.

Jetzt kam Führung ins Spiel. In einer fünfzehn minütigen Pause besprach ich mich mit den Führungskräften. Dann traf die Chefin spontan und in kurzer Zeit eine Entscheidung, legte die Auswahl der Top-Themen fest und dazu noch den Prozess für danach. Als sie den Teilnehmern ihre Entscheidung mitteilte, waren allen dankbar und froh, dass sie die Führung übernommen hatte. Keiner beschwerte sich über mangelnde demokratische Beteiligung.

Diesmal gleich zwei Erkenntnisse:

  1. Beteiligung ist wichtig. Und Führung auch. Vorausgesetzt, sie handelt wertschätzend und im Sinne aller.
  2. Empathie, Flexibilität, ehrlicher Austausch, Haltung und ein bisschen Druck können bei Gemeinschaftsprozessen sehr hilfreich sein.

Denn am Ende waren alle von der Art und Weise, dem Ergebnis und dem Prozess begeistert. Es war etwas Gemeinsames, vorher nicht geplantes, Authentisches und Neues entstanden. Ein dickes Dankeschön an meinen Bauch und an den Kunden, der sich – zugegeben am Anfang aus der Not geboren – auf diesen offenen und gefühlt unsicheren Weg eingelassen hat.